26.01.2014

Wenn Kinder nicht funktionieren wie Mama und Papa das wollen

von Holger Dick

Kinder scheinen heute nicht mehr so einfach zu „funktionieren“ wie in den guten alten Zeiten. Warum?

Neben vielen anderen vermutlichen Ursachen, wie der ständig steigenden Zahl von Scheidungskindern, zu viel Fernsehen und Computerspielen oder zu früh arbeitende Mütter, diagnostizierte der amerikanische Psychotherapeut Rudolf Dreikurs den gesellschaftlichen Wandel als einen weiteren Grund für moderne „Erziehungsprobleme“.

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Mütter gehorsam nach den Vätern richten, die Väter sich widerspruchslos ihren Chefs unterwerfen und Minderheiten sich einfach unterdrücken lassen. Wir wollen es anders haben, unsere Kinder wachsen mit Eltern auf, die sich mit ihrer Rolle im Wandel befinden. Entsprechend wandelt sich die nachkommende Generation: wie wir selbst, wollen unsere Kinder ebenso  mit Würde und Respekt behandelt werden.

Es gibt viele Ausdrucksweisen für kindliches Verhalten, das in den Augen von Erwachsenen als inakzeptabel gilt: schlechtes Benehmen, Ungehorsam, Aufmüpfigkeit, Widerworte geben, Fehlverhalten - schnell werden Kinder als Problemkinder oder als Sorgenkinder abgestempelt. Damit beschreiben Eltern etwas, was an dem Verhalten des Kindes ihrer Meinung nach falsch ist. Der Schuldige scheint also identifiziert.

Wenn man aber genauer hinschaut, findet man hinter diesem „schlechten Verhalten“ meistens ein entmutigtes, verzweifeltes Kind das aus einer inneren Notlage heraus agiert. Auf der anderen Seite des „unpassenden“ kindlichen Verhaltens finden wir die Eltern, die ebenfalls entmutigt und verzweifelt, überfordert und müde sind.

Ich glaube, dass alle Eltern viele Male Momente von Hilflosigkeit erleben: Kinder streiten mal wieder miteinander, schreien, räumen ihre Spielsachen nicht auf, antworten auf die Aufforderungen, ihre Hände doch bitte zu waschen, frech, wir hören Sätze wie „Chill Alter“ oder „Bleib Cool.“ Wir erleben die Hysterien auf dem Boden im Einkaufszentrum wegen der Überraschungseier und Diskussionen über die rosafarbenen Sandalen, obwohl die Außentemperatur unter dem Gefrierpunkt liegt ... viele alltäglichen Aktivitäten können so zum Schauplatz von Machtkämpfen werden. Wer kennt das nicht? Viele Eltern verspüren in solchen Situationen kommunikative Ohnmacht, die Selbstbeherrschung schwächelt, die Kontrolle entgleitet und das elterliche Verhalten ist weit davon entfernt, beispielhaft zu sein..., was aber andererseits von den Kindern erwartet wird.

Wie oft verlieren Eltern ihre Selbstbeherrschung und agieren aus jenen Gehirnarealen heraus, die für den puren Selbsterhaltungstrieb, Angriff oder Flucht, vorgesehen sind.

Wenn wir uns einen Überblick über die elterliche Erziehungsmaßnahmen verschaffen wollen, könnten wir bemerken, dass diese zu einem großen Teil aus Ermahnungen, Befehlen, drohenden Untertönen, aus dem Laut-werden und dann Schreien, aus Belehrungen, Strafen oder aus Alles-durchgehen-lassen bestehen. Und nicht wenigen Eltern fährt schon mal die Hand aus.

Diese Geschichten wiederholen sich, und wir hören uns zum x-ten Mal sagen: „Das habe ich dir doch schon 100 mal gesagt“, und während wir noch sprechen, wissen wir schon, dass es so nicht funktioniert. Das ist sehr frustrierend, vor allem wenn wir keine Ahnung haben, wie es denn dann gehen könnte.

Heutige Eltern hinterfragen und zerbrechen sich den Kopf über Erziehungsfragen häufiger, als das noch vor 50 Jahren der Fall war. Das liegt vermutlich daran, dass der Erziehungsauftrag unserer Elterngeneration klarer definiert war: Erziehung bedeutete, den Kindern beizubringen, wie man funktioniert, sich anpasst, sich zu fügen hat, den Normen zu entsprechen, den Regeln widerstandslos zu folgen etc. Moderne Eltern versuchen neue Wege zu gehen, es anders und irgendwie auch besser zu machen.

Ich bin sicher, dass das Glück ihrer Kinder damals wie heute allen Eltern am Herzen liegt. Nur ist weder das Glück noch der Weg dorthin klar und eindeutig definierbar, unzählige oft widersprüchliche Ratschläge und Tipps aus den Büchern zu Erziehungsfragen ermuntern und lassen auch wieder verzweifeln – die Tricks, die so hoch gelobt werden, funktionieren bei einem selbst nicht, es kommen Fragen hoch, wie „Was mache ich bloß falsch? Bin ich unfähig?“ Die Antwort darauf lautet: es kann keine pauschalen Ratschläge geben. Jedes Elternteil hat seine Stärken und seine Schwächen. Niemandem wurde beigebracht, wie man als Eltern zu sein hat: man erfindet es für sich, probiert dies oder jenes aus, lernt im besten Fall von und mit den Kindern gemeinsam. Die einzigen Vorbilder waren die eigenen Eltern und ihre Ansichten über Erziehung. So ertappt man sich oft genug dabei, das Gleiche den Kindern zu sagen und das Gleiche mit ihnen zu machen, wie man das eben selbst als kleines Mädchen, als kleiner Junge zu Hause gehört, erlebt oder auch erlitten hatte. Dieses Gefühl der Ratlosigkeit, wenn man sich den selben Satz sagen hört, wie ihn damals die eigene Mutter gesagt hat und genau zu wissen, was der kleine Knirps gerade eben empfindet und man es trotzdem tut... – dieses Gefühl kennt doch auch jeder. Als Mutter oder Vater können Sie stolz auf sich sein, wenn sich die Frage stellen: wie kann ich das ändern, wie kann ich die Situationen lösen, ohne in die gleichen Fallen, wie meine Eltern zu tappen, ohne deren Muster zu wiederholen?

Eine Freundin schrieb mir neulich: „...und ich bin immer wieder überrascht, wie sehr die kleine Maus meine alten Muster triggern kann. Ich habe da erneut eine spannende Reise zu mir selbst gemacht. Ich habe so viele Bücher gelesen und stelle nur immer wieder fest, wie groß doch die Schere zwischen Theorie und Praxis sein kann.“

Der erste Schritt besteht einfach darin anzuerkennen, dass zu allen Machtkämpfen zwei Parteien gehören und dass dafür zuallererst der Erwachsene die Verantwortung trägt.

Vielleicht haben noch zu wenige Erwachsene verstanden, dass Forderungen an die Kinder und nicht-diskutierbare Erwartungen (ausgesprochene oder unausgesprochene) Rebellion und Machtkämpfen Tür und Tor öffnen. Wir kennen das alle aus der eigenen Kindheit und Pubertät, aber oft verdrängen wir die logische Schlussfolgerung, dass es unseren Kindern genau so geht. Genau wie zu viele  Vorschriften und Erwartungen provozieren auch grenzenlose Freiräume in Kindern Widerstand und destruktiven Protest.

Bevor wir von unseren Kindern verlangen, dass sie sich kontrollieren, sollten wir das als Erwachsene selbst können. Ich habe heute in der Straßenbahn eine Mutter erlebt, die ihre kleine Tochter anschrie: „Hör sofort auf zu heulen!“. Unbeherrscht befiehlt die Mutter ihrem Kind, sich zu beherrschen. Von Außen sieht jeder, dass das nur zum Scheitern, zu Frust, Aggression oder Trostlosigkeit führen kann. Wie oft stecken wir jedoch selbst in solch einer Situation - von Innen?

Je mehr wir unser eigenes Verhalten und das unserer Kinder verstehen, desto besser gelingt es uns, bestmögliche Eltern zu werden. Fragen Sie sich, wie es Ihnen damals ergangen war? Fragen Sie sich, wie es Ihnen selbst gehen würde, wenn sie in der Haut Ihres Kindes stecken würden, und zwar nicht als ein vernünftiger Erwachsener, sondern als ein neugieriges, offenes Kind, noch voller Kraft und Lust und Tapferkeit.

Kleine Schritte der Eltern bewirken, dass Kinder große Schritte gehen, kleine Veränderungen der Eltern ermöglichen bei Kindern große Veränderungen. Wenn sie es einmal schaffen, ihrem Kind gegenüber, statt einen Wutanfall ein herzliches Lachen zustande zu bringen und zu sagen: „Es ist unglaublich, ich weiß genau, wie du dich fühlst, ich war nämlich genau so“, werden Sie staunen, wie viel Wärme und dankbare Liebe zwischen ihnen und ihrem Kind in diesem Augenblick fließen wird.

Neues Verhalten will geübt werden, muss auf jede individuelle Familiensituation angepasst sein.

Damit das gelingt, braucht es Erfahrungen mit dem Herzen und dem Bauch

Die nachhaltigen Veränderungen finden dort statt.

Drucken Seite drucken