13.03.2014

Mission „Kind“

von Nadezhda Papudoglo und Daria Markin


Elternsein ist im Moment „in“. Das ist dann so eine eigene Mission, sie bringt gute Karma-Punkte. Besonders wenn Sie erfolgreiche Eltern sind und du selbst – eine kluge, schöne, sportliche Mutter, die gekonnt das Kind mit einem engagierten sozialen Leben und dem Job kombiniert. Dabei hast du ein schickes Familienfoto von einem erfolgreichen Fotographen immer parat, welches auf Abruf in einem beliebigen Glanz-Magazin plaziert werden könnte.

Ich habe lange darüber nachgedacht, woher dieses exaltierte „Sich-als-Eltern-Definieren“ kommen könnte. In meiner geübten historischen Denkweise sehe ich: unsere Eltern lebten in einer anderen Welt, sie kämpften um politische Werte oder um sich selbst. Wir aber wuchsen in Jahren relativer Stabilität auf, wir können uns jetzt erlauben, bewusst Eltern zu sein.

Nicht einfach nur Eltern, sondern erfolgreiche, wissende, reflektierte und liebende Eltern. Ein Geschenk einerseits. Eine Überdosierung an sogenannter „Reflektion“ andererseits. Da ist die Szene in der Straßenbahn heute. Eine Mutter mit einem 2-jährigen Kind kommt rein. „Wo möchtest du sitzen?“ – Das Kind läuft von einem Sitz zum anderen. „Ja? Bist du dir sicher?“, sobald sie sich hinsetzt, schreit es einfach los und rennt weiter – bis ins Unendliche. Wahrscheinlich, möchte sie den Willen des Kleinen nicht unterdrücken. In welchem Ratgeber hat sie das gelesen? Keinem anderen gegenüber würde sie sich so verhalten, nur ihrem Kind. Warum? Wo ist das natürliche Bauchgefühl geblieben? Wo ist die liebevolle Klarheit? 

Millionen an entwicklungsfördernder Kindergärten, Sportklubs für die Kleinsten, Kinderclubs in den Ferien, Kinderrestaurants. Kinderprogramme, Musikförderung, Sprachförderung, Bewegungsförderung. Eine ganze Armee von Spezialisten, die Ihnen schnell und gern behilflich ist, ihr Kind sich richtig entwickeln zu lassen und zwar ab dem Säuglingsalter. Unzählige Webseiten über Kindheit und Muttersein, Kinderbeilagen in den Zeitschriften, entwicklungsfördernde Computerspiele.

Und in solch einer Situation bist du gezwungen, eine gute Mutter zu sein. Es entsteht ein Zwang mit der Überschrift: „Kinder sind eine Herausforderung! Stelle dich!“ Neben dem existierenden wird ein paralleles Weltall erschaffen, wo sich alles um „gute Eltern sein“ dreht. Das perfekte Mutter- oder Vatersein wird zu einer Mission, einer Aufgabe, die unzählige Eltern schlicht überfordert.

Alle Frauen lesen gerne Frauenzeitschriften (im Wartezimmer des Arztes, beim Stillen, auf dem Klo bei Freunden). Sie sehen sich die Top-Models an und lesen, wie sie sich ebenso runterhungern könnten. Ich persönlich kenne keine, die solch eine Diät angefangen hat. Aber fast jede Mutter holt sich aus der Buchhandlung einen Erziehungsratgeber. Und richtet ihre Worte und Handlungen den eigenen Kindern gegenüber nach den pauschalen Gebrauchsanleitungen.

„Ich habe meine Tochter für den Test der Hochbegabung angemeldet“. Wir sind zu Besuch bei Freunden. Das Mädchen ist noch keine 3. „Was denkst du?“. Ich denke die Eltern stehen unter Spannung. Ich denke, es würde der Tochter gut tun, die Mutter würde mit ihr alte Fingerspiele spielen und nicht aus Wikipedia vorlesen. Für die Tests ist die Zeit da, denke ich weiter. Aber für das Zusammen-Singen - nicht. Ich denke, das ist so einfach: ob begabt oder nicht, ein kleines Kind braucht Zuneigung, Empathie, Zuversicht, dass die Eltern sich kümmern, und eine wohlwollende Unterstützung, um sich zu entwickeln, um die natürliche angeborene Neugierde auszuleben, um sich die Welt zu erschließen. Es ist so einfach. Wenn aber du als Mutter mit dir nicht im Klaren bist, deinen Bauch nicht mehr spürst, wenn du nicht mehr weißt, wo du selbst bist – dann wird es komplex... Ich denke: bevor sie Mutter wurde, hatte sie ihre Arbeit als Verwirklichungsterrain. Jetzt ist die Kleine – ihr Projekt. Und dieses Projekt muss um jeden Preis gelingen.

Um den Preis einer Kindheit.

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