07.02.2014 

Beeil dich! 

von Daria Markin

Wenn der Wecker klingelt und mein Kopf-PC hochfährt, schaltet sich eine automatische Uhr ein, die immer mehrere Minuten dem Leben voran läuft. Der Modus dieser Uhr heißt „schnell“. Ich wecke mein Kind, und der dritte Satz nach der Zärtlichkeit ist: „Komm, jetzt musst du dich aber beeilen“.

„Iss schnell dein Müsli“,

„putze schnell deine Zähne“,

„komm jetzt, zack zack, ich muss auch gleich aus´m Haus“.

Ich muss noch dies und jenes machen, und es ist sehr wichtig.

Wenn ich abends nach Hause komme, sind meine Hosentaschen voll mit Zetteln, was mir eingefallen ist, was noch zu tun wäre.

„Kannst du ein wenig schneller essen“?

Mein Sohn möchte mir etwas erzählen, ja, ich höre zu. „Ich lese dir gerne noch was vor, aber nur, wenn du bis um 20:30 im Bett bist“. „Ich kann leider nicht länger schmusen, ich muss noch....“.

„Mama, - sagte er mir vor kurzem, - du hast keine Zeit mehr für mich“. Es tat mir sooo Leid. Ich hätte losweinen können.

Ich arbeite viel. Mein Leben ist von Gedanken, neuen Ideen, Umsatzeinfällen, Mails und sozialen Medien und und und bestimmt. Und ich liebe mein Kind über alles. Wenn ich staune, wie lange seine Beine geworden sind, wie von einem wachsenden Reh; wenn die Gänsehaut durch meinen Körper fährt, wie weich seine Wange ist, die meine berührt; wenn er mich so anschaut... Seine Fragen, sein Lachsack-Lachen.

„Beeil dich“. Aber er hat Zeit und jedes „beil dich“ versinkt im Universum. Er zeigt nicht einmal eine Spur von Schneller-Werden. Er ist so. Im Vergleich zu mir macht er seine Sachen langsam, er isst langsam, er zieht sich langsam an, er schaut sich dabei seine Füße an, das kann Minuten dauern.... Manchmal platze ich mitten beim Essen: „Kind! Kaue!!!“. Mir kommt es, er würde vergessen, dass er noch Essen im Mund hat. Er wird dann barsch: „ich kaue doch!!!“. Ich hab keine Zeit, in der Zeit, solange er kaut, könnte ich noch 2 Mails schreiben...

Ich steckte in einer Zwickmühle aus Druck, Unzufriedenheit, Gereiztheit, und aus dem schlechten Gewissen. Bis er mir sagte: „Mama, du hast keine Zeit mehr für mich“. Das tat Weh. Und war heilsam. Dieses Kind ist ein Geschenk, dachte ich dann. Ich bin eine Schnelle. Was verpasse ich in meiner Geschwindigkeit? Wann habe ich zum letzten Mal richtig lange meine Füße angeschaut?

An diesem Abend hatte ich solange geschmust, bis ich selbst bei ihm eingeschlafen war.... Am nächsten Morgen was das Kind ganz selig. Es bringt wirklich nichts, „beeil dich“ zu sagen. Er wird nicht schneller. „Nimm dir Zeit, hier ist die Uhr“, sage ich ihm jetzt morgens. Ich kann meine Sachen machen, ich kann mich auf meinen Arbeitstag vorbereiten, ohne ihn rum zu schubsen und zu hetzten. Meines Erachtens ging er viel zu spät aus dem Haus! So suchte ich den Lehrer auf und fragte ihn, wie es denn mit der Pünktlichkeit meines Sohnes steht. Und ich staunte, als er sagte: er sei fast immer pünktlich und wenn, dann quatscht er mit seinen Freunden noch vor dem Klassenzimmer....

Ich möchte ihn nicht mehr hetzen. Wenn ich mir keine Zeit nehme, langsam und genüßlich mein Essen zu kauen, kann ich das selbst verantworten. Ich sage mir: das ist eine Phase.

Bei meinem Kind ist meine Phase – seine Kindheit. Ich werde ihn nicht mehr hetzen.

Nicht beim Aufstehen – dann kann ich ihn doch einfach 10 Minunten früher wecken; nicht beim Essen – er wird sowieso nicht schneller; nicht beim Laufen – mein Gott, wie schön es ist, wenn wir einfach in die Stadt schlendern, wir „verlieren“ wahrscheinlich 10-15 Minuten. Wir gewinnen dabei eine vertraute Seligkeit, durchtränkt mit Liebe.

Und heute habe ich mich selbst dabei erwischt: ich starrte morgens eine gefühlte Stunde auf meine Füße.... 

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