25.11.2014

AUGE UM AUGE
von Daria Markin und Holger Dick

 

Rache ist archaisch, barbarisch, sie hat in unseren Vorstellungen und im  tatsächlichen Leben nichts zu suchen – das wissen wir. Und doch: Rache kennt jeder, sie hat ihren menschlichen Ursprung und ist ernst zu nehmen.

Rache wiederspricht den moralischen Prinzipien und Normen, auf die sich unsere moderne Gesellschaft geeinigt hat. Sie ist ein abgewertetes niederes Bedürfnis, welches mit Vernunft zu kontrollieren ist. Wer Rache übt, fügt einer anderen Person willentlich Leid zu, was per se böse ist. In unserer Gesellschaft gelten Barmherzigkeit und Selbstbeherrschung als Tugenden: der Klügere gibt nach, kriminelle Fälle soll die Justiz lösen.

Was machen wir mit dem leisen Ruf im Inneren? Der Wunsch nach Rache fühlt sich irgendwo absolut und richtig an. Der Dialog zwischen dem Intellekt und dem Bauchgefühl führt zu Hilflosigkeit, Zerrissenheit, und weder Selbstbeherrschung noch die ausgelebte Rache bringen die gewünschte Befriedung.

Wo kommt dieser Wunsch nach Rache her? Warum fühlt sie sich irgendwie gerecht an, obwohl wir wissen, dass es moralisch nicht vertretbar ist? Was hat Rache mit Gerechtigkeit zu tun?

Rache beruht auf dem Prinzip der Vergeltung: Erlittenes wird ausgeglichen, indem man dem Täter zumindest ähnliches Leid zufügt, am liebsten aber noch ein wenig mehr. Es ist wie ein unsichtbares subjektives Konto, welches wir wie unsere Bankkarte ständig mit uns tragen. Hat jemand auf dem Markt meinen Geldbeutel gefunden und mir zurückgegeben, möchte ich ihn belohnen, hat mir einer etwas geklaut, kommt ein Wunsch nach (unermeßlicher) Strafe bei mir hoch.

Das Prinzip der Gerechtigkeit ist uns oft wichtiger, als der eigene Nutzen, bewies ein Experiment aus der Verhaltensökonomie. Im sogenannten „Ultimatum-Spiel“ bekommt Proband A zehn Euro. Er hat die Möglichkeit dieses Geld mit dem Probanden B zu teilen. Nimmt B das Geld an, können es beide behalten. Lehnt er es ab – bekommt keiner der Probanden etwas. Wie sehr das Gefühl der Gerechtigkeit in uns verankert ist, zeigten die Reaktionen der Probanden: wenn B weniger als 40% der Summe bekam, fühlte er sich ungerecht behandelt und lehnte das Geld ab. Der Wunsch dem Anderen heimzuzahlen war größer, als der eigene Nutzen.

Allerdings wird die Selbstverständlichkeit, in der dieses Gerechtigkeitskonto im Positiven gelebt wird, nicht in das Negative übertragen. Borge ich bei meiner Nachbarin einen Liter Milch, ist es für mich selbstverständlich, dass ich ihr im umgekehrten Fall bei Bedarf eine Zwiebel oder ein paar Eier geben würde. Wenn mir aber der bösartige Nachbar mein Auto mit seinem Schlüssel zerkratzt, kann ich dies nicht eigenständig an seinem Auto ausgleichen. Das Bedürfnis danach, der kühle Traum ist nicht wegzudenken, das kennt jeder.

Das Bedürfnis nach Rache entsteht, wenn wir uns in unserem Status nicht respektiert fühlen, wenn wir unpersönlich, wie Objekte behandelt werden. Durch die Rache versuchen wir dann dem Täter klar zu machen, dass wir „Menschen“ sind, dass wir Gefühle haben, die verletzt wurden. Wir wollen, dass der Täter als Opfer genau das erlebt und körperlich nachfühlt, was er uns angetan hat.

Das Problem dabei ist nur, dass der Täter nicht aus freien Stücken etwas begreifen soll, sondern dazu gezwungen wird. Und ohne Freiheit ist kein wirkliches Verstehen möglich. Rachefeldzug ist aus diesem Grund absolut hoffnungslos, der Wunsch danach ist zwanghaft, unterliegt keiner Analyse und läßt sich deswegen weder kognitiv begründen, noch steuern. Der Wunsch nach Rache kann ausgelebt oder verdrängt werden, in beiden Fällen bleiben wir unzufrieden, geraten unter die Wellen von Scham und Schuld oder in den Kreislauf eigener Verhaltensmuster... Im Anderen bewirken wir nichts, jedenfalls nicht das Erwünschte.

Die wenigsten von uns empfinden sich selbst als rachsüchtig. Die wenigsten erklären ihr eigenes viel zu schnell gesagtes „Nein“ als Rache – wir finden tausend Erklärungen und Rechtfertigungen, um nicht zu gestehen: ich wollte mich rächen, weil ich mich von dir nicht gehört, nicht verstanden, nicht geachtet..... fühlte. 

Im Alltag wird der Rache der Wind aus den Segeln genommen, wenn wir ehrlich mit uns selbst sind und uns die Motivation der eigenen Taten ins Bewusstsein rufen. Der erste Schritt den Wunsch nach Rache zu bändigen ist: die Verantwortung für sein Sich-Gekränkt- und Sich-Beleidigt-Fühlen zu übernehmen.

In alltäglichen Situationen kann man nur zum Täter werden, wenn der Andere sich als Opfer versteht. Sobald das Spiel beginnt, ist Rache immer eine Begleiterscheinung. Er kommt nach Hause und grüßt sie nicht aufmerksam genug – sie „stellt ihr Gefieder hoch“, denkt „nun warte Mal ab!“ und wird ihn bei der nächstbesten Möglichkeit zurückweisen, ohne ihm den Grund zu erklären. Die Verantwortung zu übernehmen hieße an dieser Stelle zum Beispiel, sein Verhalten nicht zu interpretieren, sondern bei sich zu bleiben und auf ihren Wegen unbeirrt souverän weiter zu handeln. Oder zu sagen: „kann sein, dass du müde oder besorgt bist? Kann ich für dich etwas Gutes tun?“

Verletzt wird nur, wer sich verletzen läßt. Und Rache fühlt sich zwar im ersten Augenblick süß an, relativiert aber nicht das Sich-als-Opfer-Empfinden-und-doch-Täter-Sein.

Eine kleine Aufgabe zum Beobachten und Reflektieren:

beschreiben Sie 3 Situationen aus den letzten 3 Tagen, wo sie durch Tat oder Nicht-Tat, durch Worte oder Schweigen aus einem Rachegefühl heraus gehandelt haben. Nichts Großes, kleine Beobachtungen. Sie erkennen die Rache am süßen Vorgeschmack und an der unverzüglichen Enttäuschung danach. Und fragen Sie sich, wie es wohl wäre, wenn sie selbst dabei anders gehandelt hätten? 

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